Werkstoffwissen

Gusseisen mit Lamellengraphit und Kugelgraphit im Vergleich

GJL und GJS sind auf den ersten Blick verwandte Werkstoffe – im Gefüge und im Bauteilverhalten unterscheiden sie sich jedoch erheblich. Dieser Überblick zeigt, worauf die Unterschiede zurückgehen, welche Kennwerte Sie bei der Auslegung erwarten können und welcher Werkstoff für welche Anwendung die bessere Wahl ist.

6Sorten im direkten Vergleich
DIN EN 16482Grundlage der Kennwerte (Lieferprogramm)
2 GefügeformenLamelle vs. Kugel
Grundlagen

Woher der Unterschied kommt: die Form des Graphits

Beide Werkstoffe sind Eisen-Kohlenstoff-Gusslegierungen mit einem Kohlenstoffanteil von etwa 3 bis 4 %. Der überschüssige Kohlenstoff, der sich beim Erstarren nicht im Eisengitter löst, scheidet sich als Graphit aus. Wie dieser Graphit im Gefüge angeordnet ist, entscheidet über nahezu alle mechanischen Eigenschaften des fertigen Bauteils.

Bei Gusseisen mit Lamellengraphit (GJL, umgangssprachlich Grauguss) erstarrt der Kohlenstoff in Form feiner, unregelmäßig verzweigter Lamellen. Diese wirken im Gefüge wie eingebaute Kerben und innere Trennflächen. Das macht den Werkstoff spröde, verleiht ihm aber auch seine typischen Vorzüge: hohe Schwingungsdämpfung, gute Wärmeleitfähigkeit und eine sehr gute Gieß- und Zerspanbarkeit.

Bei Gusseisen mit Kugelgraphit (GJS, auch Sphäroguss oder duktiles Gusseisen genannt) wird die Schmelze vor dem Guss mit Magnesium oder Cer behandelt (Impfbehandlung). Dadurch erstarrt der Kohlenstoff nicht als Lamelle, sondern als nahezu kugelförmiger Einschluss. Diese Kugelform unterbricht das Metallgefüge deutlich weniger als eine Lamelle, wodurch GJS eine erheblich höhere Zähigkeit, Zugfestigkeit und Bruchdehnung erreicht – bei mechanischen Eigenschaften, die sich in vielen Anwendungen dem Stahlguss annähern.

EN-GJL · Grauguss Lamellengraphit

Graphit in Form feiner, verzweigter Lamellen. Spröder Bruch, dafür hohe Dämpfung, gute Wärmeleitung, sehr gute Spanbarkeit und günstige Gießeigenschaften auch bei komplexen Geometrien.

EN-GJS · Sphäroguss Kugelgraphit

Graphit als nahezu kugelförmige Einschlüsse durch Magnesiumbehandlung der Schmelze. Deutlich zäher und fester als GJL, mit nennenswerter Bruchdehnung – geeignet für dynamisch und schlagartig belastete Bauteile.

Mechanische Kennwerte

Die Werte im direkten Vergleich

Die folgenden Werte stammen direkt aus unserem Lieferprogramm (technische Arbeitshilfe auf Grundlage DIN EN 16482) und sind nach Strangdurchmesser D gestaffelt: Mit zunehmendem Querschnitt kühlt der Guss langsamer ab, das Gefüge wird gröber, und die Festigkeit sinkt entsprechend.

Gusseisen mit Lamellengraphit (GJL)

Werkstoff Ø-Bereich D Zugfestigkeit Rm min. Brinellhärte HBW
EN-GJL-HB150
GG15 · 5.1102
20 – 50 mm110 MPa110 – 180
50 – 100 mm100 MPa
100 – 200 mm90 MPa
200 – 400 mm80 MPa
EN-GJL-250
GG25 · 5.1203
20 – 50 mm195 MPa170 – 240
50 – 100 mm180 MPa
100 – 200 mm165 MPa
200 – 400 mm155 MPa
EN-GJL-300
GG30 · 5.1308
20 – 50 mm220 MPa200 – 290
50 – 100 mm205 MPa
100 – 200 mm195 MPa
200 – 400 mm185 MPa

Gusseisen mit Kugelgraphit (GJS)

Werkstoff Ø-Bereich D Dehngrenze Rp0,2 min. Zugfestigkeit Rm min. Bruchdehnung A min. Brinellhärte HBW
EN-GJS-400-15C
GGG40 · 5.3126
20 – 60 mm250 MPa400 MPa15 %130 – 180
60 – 120 mm250 MPa390 MPa14 %
120 – 400 mm240 MPa370 MPa11 %
EN-GJS-500-7C
GGG50 · 5.3203
20 – 60 mm320 MPa500 MPa7 %150 – 240
60 – 120 mm300 MPa450 MPa7 %
120 – 400 mm290 MPa420 MPa5 %
EN-GJS-600-3C
GGG60 · 5.3204
20 – 60 mm370 MPa600 MPa3 %200 – 290
60 – 120 mm360 MPa600 MPa2 %
120 – 400 mm340 MPa440 MPa1 %

Quelle: MK Strangguss Lieferprogramm, technische Arbeitshilfe auf Grundlage DIN EN 16482, Seite 17 (GJL) und Seite 19 (GJS). Weitere Sorten aus dem Lieferprogramm (u. a. EN-GJS-400-18C, EN-GJS-500-14C, EN-GJS-700-2C) sind auf Anfrage verfügbar.

Eigenschaftsprofil

Was die Zahlen für die Praxis bedeuten

Jenseits der reinen Kennwerte unterscheiden sich GJL und GJS in Eigenschaften, die für die Bauteilauswahl oft entscheidender sind als die Zugfestigkeit allein.

GeringHoch
Schwingungsdämpfung

Die Lamellenstruktur des GJL wirkt wie ein inneres Reibsystem und wandelt Schwingungsenergie effektiv in Wärme um – ein zentraler Grund, warum Maschinenbetten und Gehäuse traditionell aus GJL gefertigt werden. GJS dämpft aufgrund der geschlosseneren Kugelstruktur deutlich schwächer.

GJL
GJS
Zähigkeit / Duktilität

GJS erreicht durch die Kugelform des Graphits eine Bruchdehnung, die bei GJL praktisch nicht vorhanden ist. Für schlagartig oder wechselnd belastete Bauteile, bei denen ein sprödes Versagen kritisch wäre, ist GJS deshalb die deutlich sicherere Wahl.

GJL
GJS
Wärmeleitfähigkeit

Auch hier profitiert GJL von der Lamellenform: Die zusammenhängenden Graphitlamellen leiten Wärme besser weiter als die isolierten Graphitkugeln im GJS. Deshalb bleibt GJL erste Wahl für Bauteile mit hohem Wärmeabfuhrbedarf, etwa Bremsscheiben oder Zylinderblöcke.

GJL
GJS
Zerspanbarkeit

Die Graphitlamellen wirken beim Zerspanen wie eingebaute Sollbruchstellen und erzeugen kurzbrechende Späne – GJL lässt sich deshalb besonders wirtschaftlich bearbeiten. GJS erfordert wegen seiner höheren Zähigkeit angepasste Schnittwerte und ist insgesamt etwas anspruchsvoller in der Bearbeitung, bleibt aber gut zerspanbar.

GJL
GJS
Gießbarkeit bei komplexen Geometrien

GJL fließt aufgrund seines Erstarrungsverhaltens sehr gut in dünnwandige, komplexe Formen und neigt weniger zu Lunkerbildung. GJS erfordert wegen der Magnesiumbehandlung und der andersartigen Erstarrung eine sorgfältigere Gießtechnik, insbesondere bei größeren Wanddicken.

GJL
GJS
Einsatzgebiete

Wo GJL und GJS typischerweise zum Einsatz kommen

GJL – Lamellengraphit

Bauteile mit Fokus auf Dämpfung und Wärmeabfuhr

  • Maschinenbetten und -gestelle, bei denen Schwingungsdämpfung die Bearbeitungsgenauigkeit sichert
  • Gehäuse für Getriebe, Pumpen und Armaturen
  • Bremsscheiben und -trommeln, bei denen Wärme schnell abgeführt werden muss
  • Zylinderblöcke und -köpfe im Motorenbau
  • Bauteile mit hohem Zerspanungsanteil, bei denen kurze Späne die Bearbeitungskosten senken
GJS – Kugelgraphit

Bauteile mit Fokus auf Festigkeit und Zähigkeit

  • Kurbelwellen, Nockenwellen und andere hochbelastete Antriebsbauteile
  • Zahnräder und Getriebeteile mit wechselnden Lastspitzen
  • Achsen, Radnaben und Fahrwerkskomponenten
  • Rohrleitungssysteme und Armaturen mit Innendruck (z. B. Trinkwasser- und Gasleitungen)
  • Bauteile, die als Stahlgussersatz mit geringerem Gießaufwand konstruiert werden
Entscheidungshilfe

Welcher Werkstoff passt zu Ihrem Bauteil?

Als Faustregel gilt: Überall dort, wo Dämpfung, Wärmeleitung und ein günstiger Zerspanungsprozess im Vordergrund stehen und keine hohe Zähigkeit gefordert ist, ist GJL meist die wirtschaftlichere Wahl. Sobald Zugfestigkeit, Duktilität oder Sicherheit gegen sprödes Versagen entscheidend sind, führt der Weg in der Regel zu GJS.

Wählen Sie GJL, wenn …
Dämpfung, Wärmeabfuhr oder Gießbarkeit im Vordergrund stehen

… das Bauteil überwiegend statisch oder schwingend belastet wird, eine gute Wärmeableitung braucht und wirtschaftlich in großen Stückzahlen zerspant werden soll.

Wählen Sie GJS, wenn …
Zugfestigkeit, Zähigkeit oder Innendruck gefordert sind

… das Bauteil schlagartigen oder wechselnden Lasten standhalten muss, eine nennenswerte Bruchdehnung sicherheitsrelevant ist oder Innendruck aufgenommen werden muss.